Landkreis Cuxhaven. Psychische Belastungen, Unsicherheiten und Krisen gehören für viele junge Menschen inzwischen zum Alltag. Umso wichtiger sind niedrigschwellige Angebote, die genau dort ansetzen, wo Jugendliche sich ohnehin aufhalten und Vertrauen aufgebaut haben. Der Paritätische Cuxhaven setzt deshalb in seinen Jugendwerkstätten auf ein besonderes Unterstützungsangebot: B. Sc. Psychologin Anna Vogel begleitet junge Menschen in den Einrichtungen in Cuxhaven und Schiffdorf mit Gesprächen, Gruppenangeboten und präventiver Aufklärungsarbeit.
Hauptberuflich arbeitet die 27-Jährige in der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern des Paritätischen Cuxhaven. Zusätzlich ist sie mit sieben Wochenstunden für die Teilnehmenden der Jugendwerkstätten tätig. Dabei geht es nicht um klassische Therapie im engen Sinne, sondern vor allem um Orientierung, Stabilisierung und Gesundheitsförderung.
„Mir ist wichtig, über psychische Gesundheit aufzuklären – mit Fokus auf Gesundheit, nicht auf Krankheit“, erklärt Anna Vogel. „Nicht jeder schlechte Tag ist gleich eine Diagnose. Es gehört zum Leben dazu, sich manchmal energielos oder traurig zu fühlen. Entscheidend ist, wie wir mit uns selbst umgehen und welche Strategien wir entwickeln.“
Einmal pro Woche trifft sich in der Jugendwerkstatt Cuxhaven eine feste Mädchengruppe. Themen wie Selbstwahrnehmung, Emotionsregulation, Ernährung, weiblicher Zyklus oder der Umgang mit Krisen wurden besprochen. Die Atmosphäre ist bewusst offen gehalten. Anna Vogel moderiert die Gespräche. Die Jugendlichen tauschen sich dabei vor allem untereinander aus.
Bei gutem Wetter verlagert sich das Angebot auch nach draußen – Natur und Tiere spielen im Konzept bewusst eine wichtige Rolle. Gerade diese Erfahrungen könnten jungen Menschen helfen, sich selbst besser wahrzunehmen, Vertrauen aufzubauen und neue Erfahrungen im sozialen Miteinander zu sammeln.
Auch in der Jugendwerkstatt Schiffdorf ist Anna Vogel regelmäßig präsent. Dort stehen v.a. persönliche Krisen im Mittelpunkt; hierzu werden auch Einzelgespräche angeboten. Häufige Themen seien Essstörungen, Antriebslosigkeit, frühere belastende Erfahrungen oder Fragen zur eigenen Lebensgestaltung.
Das Projekt richtet sich gezielt an Jugendliche aus schwierigen Lebenssituationen. Viele von ihnen haben bereits belastende Erfahrungen gemacht oder benötigen, z.B. auch nach stationären Aufenthalten zusätzliche Unterstützung im Alltag. Ziel ist es, ihnen innerhalb ihrer vertrauten Umgebung unkompliziert Zugang zu psychologischer Beratung zu ermöglichen.
Die Inhalte orientieren sich dabei stark an den aktuellen Bedürfnissen der jungen Menschen. Neben Gesprächen sind auch Kreativangebote, Gruppenarbeit oder externe Referenten zu Themen wie Suchtprävention oder Berufsfindung geplant. Ebenso sollen sogenannte Systemtreffen stattfinden, bei denen wichtige Bezugspersonen gemeinsam Lösungen und Perspektiven entwickeln.
Anna Vogel selbst stammt aus Otterndorf und begann 2019 ihr Psychologiestudium in Hamburg-Altona. Nach dem Bachelorabschluss startete sie im vergangenen Jahr ihren Masterstudiengang mit Schwerpunkt Neuropsychologie. Besonders interessiert sie die Frage, warum Menschen denken und handeln, wie sie es tun – und welchen Einfluss Ernährung, Bewegung, Schlaf und soziale Beziehungen dabei auf die psychische Gesundheit haben.
„Ein Mensch kann sich nicht dauerhaft gesund fühlen, wenn Bewegung, echte soziale Zugehörigkeit, gesunde Ernährung oder ausreichend Schlaf fehlen“, sagt sie. „Gerade junge Menschen brauchen heute wieder mehr Stabilität, Selbstwirksamkeit und echte Verbindung.“
Mit dem Projekt setzt der Paritätische Cuxhaven bewusst auf einen ganzheitlichen Ansatz, der Resilienz, Selbstbild, Ressourcenaktivierung und persönliche Entwicklung in den Mittelpunkt stellt – niedrigschwellig, lebensnah und direkt im Alltag der Jugendlichen. Finanziert wird das Projekt aktuell durch das Land Niedersachsen und läuft zunächst modellhaft bis Ende 2026. Die Verantwortlichen sehen darin einen wichtigen Schritt, um psychologische Unterstützung für junge Menschen im ländlichen Raum leichter zugänglich zu machen. Auch seitens des Jobcenters stößt das Angebot auf große Offenheit und positive Resonanz.

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