Folgen der doppelten Zeitenwende – Eine Betrachtung im Sinne der Gesamtverteidigung Deutschlands.
Wingst. Die Reservisten Kameradschaft, Wingst und Umgebung hatte zum Klönschnack-Abend in das Franz Hermann Hahn Heim auf dem Gelände des Campingpark Knaus in Wingst geladen. Trotz eisiger Umklammerung durch den Winter mit schwierigen Verkehrsverhältnissen fanden sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher zu einem interessanten Vortrag mit brisantem Thema ein. Rainer Meyer zum Felde, Brigadegeneral a.D., leitender Mitarbeiter des Instituts für Sicherheitspolitik, Kiel und Landesvorsitzender Niedersachsen und Bremen der Gesellschaft für Sicherheitspolitik zeichnete mit einem detaillierten Vortrag, die Folgen für die militärische und zivile Seite der Gesamtverteidigung in Deutschland zu einem Bild, das unmissverständlich akuten Handlungsbedarf postulierte. Oberstabsfeldwebel der Reserve, Rolf Lewerenz, Vorsitzender der Kameradschaft begrüßte VertreterInnen der Gemeinde, des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge, hier für den Landkreis Cuxhaven Katja Bruns-Cordes, der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und den Bürgermeister der Gemeinde Wingst, Patrick Pawlowski. Auch Soldaten des Marinefliegergeschwaders Nordholz, Patenschaftsträger der Gemeinde Wingst waren zugegen. Im Anschluss an das Plädoyer erfolgten die Auszeichnungen mit dem offiziellen Veteranenabzeichen der Bundeswehr durch den Vorsitzenden der Reservistenkameradschaft Wingst und Umgebung von Mitgliedern; den Hauptgefreiten d. Reserve Dieter Wörmke, und Herbert Nühring und an Brigadegeneral a. D Rainer Meyer zum Felde.

Meyer zum Felde erläuterte am Anfang seines Vortrages die Entwicklung der strategischen Lage Deutschlands seit 1955. Seit dem Ende des Besatzungsstatuts verfügte die Bundeswehr über zwölf Divisionen mit 36 Kampf Brigaden. 500.000 Dienende waren Friedensumfang, 1,3 Millionen im Falle eines Verteidigungsfalles. Es wurden 3-5 % vom Bruttoinlandsprodukt in die Darstellung einer verteidigungsfähigen Armee unter allgemeiner Wehrpflicht und nuklearer Teilhabe investiert. Seit dem NATO-Doppelbeschluss von 1979, der Null-Lösung bei nuklearen Mittelstreckensystemen waren Abrüstung und Kontrollverhandlungen diesbezüglich erfolgreich. Die Grenzöffnung in Ungarn, der Fall der Mauer in Berlin, die Auflösung der DDR und die Auflösung des Warschauer Paktes erzeugten eine neue, europäische Friedensordnung. Sie mündete letztendlich in die Aussetzung der Wehrpflicht, den Abbau von Wehrerfassung und territoriale Verteidigung und der Reserve. Im März 2014 zeigte uns die russische Aggression gegen die Ukraine ihr wahres Gesicht. Die NATO reagierte mit der Verdreifachung der schnellen Eingreiftruppe und es entstanden erste NATO Stäbe auf osteuropäischen Gebiet. Seit 2016 existieren Battle Groups in Polen, Litauen, Estland und Lettland. Im Sommer 2018 drohte Amerikas. Präsident Donald Trump mit der Kündigung der NATO.
Am 24. Februar 2022 begann die russische Invasion gegen die Ukraine. Die Grundannahmen der Jahre 1990-2013 hatten sich als weitgehend falsch erwiesen. Die Geopolitik ist zurück und die Weltordnung wandelt sich zu einem multipolaren Zustand, USA, China, Russland, vielleicht Indien und Europa? Das Russland unter Präsident Putin ist Gegner nicht Partner. Es hat sich als potenzieller militärischer Feind der NATO und EU Europas erwiesen. China wird zur Weltmacht und aufgrund zunehmender Unterstützung Russlands zum potenziellen Gegner. Russland und China agieren gemeinsam gegen den Westen. Die USA werden Europa nicht mehr umkonditioniert unterstützen, zumal die USA Priorität auf dem Indopazifik liegt. Die EU ist kein geopolitischer Akteur auf Augenhöhe, Grund dafür sind das Ausscheiden Großbritanniens nach dem Brexit, der Mangel an Ressourcen in Frankreich, der zu wenig ausgeprägte Führungswillen Deutschlands.
General Meyer zum Felde schilderte in seinen Ausführungen die Entwicklung der sicherheitspolitischen Lage im Laufe der Jahre und betonte, das auch mehr als genügend diplomatische Bemühungen unternommen seien, Präsident Putin zum Frieden zu bewegen. Für die Zivilbevölkerung Deutschlands gäbe es jedoch nur den Weg nach vorne. In Initial Vorträgen müsse Verständnis geweckt werden, ohne Verängstigung unter Erzeugung des Bewusstseins für Eigenverantwortung. Auf Kreis und kommunaler Ebene sollten Verwundbarkeiten identifiziert, Schutzkonzepte entwickelt werden. Verfahrensübungen zu wahrscheinlichen Szenarien forderten Engagement, Fleiß und Zeit.
Zum Felde plädierte für einen initialen Vortrag zur sicherheitspolitischen Lage mit allgemeinen Ableitungen für die Gesamtverteidigung auf der Ebene der Landkreise und Gemeinden sowie interessierter Öffentlichkeit. Die Bevölkerung müsse zur eigenverantwortlichen Vorbereitung für zehn Tage Ernstfall sensibilisiert werden. Die Vernetzung von Amtsträgern und relevanten Führungspersonen müsse in Workshops trainiert werden, ebenso die Erarbeitung eines Alarmkalenders mit Szenen-basierten Handlungsempfehlungen. Der Grundsatz „was der Saat nicht übt, kann er nicht“ gelte auch für Zivilakteure, siehe Ahrtalkatastrophe. Alle Unterlagen sollten so erstellt werden, dass sie analog und auch bei mehrtägigem Stromausfall nutzbar seien. Die Bundeswehr soll zur stärksten konventionellen Armee in NATO und EU werden. Die zivile und militärische Gesamtverteidigung sei zur unverzichtbaren Notwendigkeit geworden. Nicht nur die Abschreckungswirkung der NATO, sondern auch der zivile Anteil der Gesamtverteidigung müsse kriegstüchtig gemacht werden. Der Sabotageanschlag auf die Stromversorgung Berlins zeige die Verwundbarkeit gegen hybride Angriffe mit Spionage, Sabotage, Zersetzung und Terrorismus in Deutschland und in der Ukraine. Zeige die Zerschlagung der zivilen kritischen Infrastrukturen wie Russland Krieg führe. Im Anschluss an diesen ausführlichen und detaillierten Vortrag erfolgte eine lebhafte Diskussion um die Realisierung der angesprochenen erforderlichen Maßnahmen, die nun sehr zügig erfolgen muss. Deutlich zeigte sich, dass eine Veranstaltung wie der Klönschnack-Abend der Reservisten in Wingst sehr informativ ist, zur fundierten Meinungsbildung beiträgt und gelebte Demokratie ist. Sie ist es wert, dass wir sie verteidigen – nur wir müssen dazu bereit sein!



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