Cuxhaven. Schon im Foyer der Kugelbake‑Halle lag am 22. Mai 2026 eine besondere Spannung in der Luft. Man sah Familien, Freundinnen und Freunde, die sich begrüßten, Plätze suchten und die Vorfreude kaum verbergen konnten – denn auf der Bühne sollten Menschen aus ihrer Mitte stehen. Mit im Zentrum dieses Erlebnisses: unsere Chöre der Sunset Chords. Mit den Juniors als Ragazzi und der Advanced‑Gruppe im großen Gesamtchor prägten sie Klang, Energie und Erscheinungsbild des Eröffnungskonzerts „Carmina Burana“ beim Mare Musik Festival.
Als sich der Vorhang hob, füllten sich die Reihen auf der Bühne fast endlos. Die Jugendlichen der Sunset Chords Juniors bezogen vorne auf der Rampe Aufstellung: konzentriert, hell im Timbre, mit jener frischen Leuchtkraft, die Orffs Musik unmittelbar zum Strahlen bringt. Hinter ihnen verschmolz die Advanced‑Gruppe mit dem großen Chor zu einem tragenden Fundament. Diese doppelte Präsenz gab dem Abend sein unverwechselbares Profil: jugendliche Strahlkraft im Vordergrund, getragen von reifer Klangkraft im Gesamtchor.
Die musikalische Architektur des Abends war schlank, wendig und hochpräzise. An zwei Flügeln entfalteten Clara und Marie Becker eine transparente, zugleich energiereiche Klangfläche, während Thomas Himmel und Carla Schmidtke mit Schlagwerk und Percussion das rhythmische Rückgrat formten. Über allem stand Mathias Christian Kosel, gebürtiger Cuxhavener, künstlerischer Leiter und Dirigent des Festivals. Mit ruhiger Autorität und feinem Gespür formte er Einsätze, Atembögen und Steigerungen zu einer geschlossenen Dramaturgie. Zwischen den Teilen des Werkes wandte er sich in kurzen, präzisen Moderationen an das Publikum und führte durch Orffs Bilderbogen – vom unerbittlichen Rad der Fortuna über den Rausch des Frühlings und die Ausgelassenheit der Schenke bis zur zarten Sehnsucht des Herzens. So wurde aus einem Konzert ein erzählerisch geführtes Erlebnis, das auch Ersthörerinnen und Ersthörer mühelos erreichte.
Der Auftakt mit „O Fortuna“ traf die Halle wie ein elektrischer Impuls. Doch schnell zeigte sich, dass „Carmina Burana“ weit mehr ist als nur der berühmte Eröffnungschor. Die Sunset Chords trugen entscheidend dazu bei, die Vielfalt der Szenen lebendig zu machen: Ihre klaren Einsätze, die atmende Phrasierung und die sichtbar konzentrierte Bühnenpräsenz verliehen dem Werk jene Unmittelbarkeit, die man eher spürt als analysiert. Gerade in der reduzierten Festivalfassung stand der Chor – und damit auch die Sunset Chords – im Zentrum. Jede Nuance wurde hörbar, jede Farbe trug, von den leuchtenden Höhen der Juniors bis zur kernigen Mittellage des Gesamtchores.
Die Solistinnen und Solisten setzten markante Akzente: Bariton Peter Schöne spannte den Bogen von kantabler Wärme in „Omnia sol temperat“ bis zur eruptiven Glut von „Estuans interius“ und gab als trunkener Abt eine bissig-pointierte Charakterstudie. Tenor Joaquín Asiáin ließ in „Olim lacus colueram“ den „gebratenen Schwan“ mit schwindelerregender Höhe und feiner Selbstironie zwischen Komik und Tragik schweben. Sopranistin Judith Spiesser wiederum öffnete mit „In trutina“ einen Raum stiller Innigkeit und steigerte sich in „Dulcissime“ zu brillanter Ekstase. In all diesen Momenten waren die Sunset Chords verlässlicher Rahmen und klangliche Partner: sensibel in der Balance, präzise in der Artikulation, beweglich in der Dynamik.
Als am Ende „O Fortuna“ zurückkehrte und den Kreis schloss, stand die Kugelbake‑Halle. Der Applaus war lang und herzlich – Standing Ovations für eine Aufführung, die künstlerische Exzellenz und regionale Verwurzelung zu einem eindrucksvollen Ganzen verband. Spürbar war vor allem die gemeinsame Geschichte hinter diesem Abend: Seit dem Herbst 2025 hatten 147 Sängerinnen und Sänger aus Cuxhaven und der Region auf diesen Moment hingearbeitet. Die Sunset Chords standen exemplarisch dafür, wie Nachwuchsförderung und professioneller Anspruch einander beflügeln: Junge Stimmen übernahmen Verantwortung, wurden gehört und getragen – und trugen zugleich den Gesamtklang.
So zeigte dieser Festivalauftakt, was die Sunset Chords auszeichnet: Präzision, Mut und eine ansteckende Bühnenpräsenz. „Carmina Burana“ wurde nicht nur aufgeführt, sie wurde erlebt – als Gemeinschaftsleistung einer Stadt, die ihre Stimmen erhebt und damit ein musikalisches Bekenntnis abgibt. Wer diese besondere Energie erneut spüren möchte, sollte die kommenden Termine des Mare-Musik-Festivals im Blick behalten. Die Sunset Chords werden bereitstehen.


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