Cuxhaven. Der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands zeichnet ein alarmierendes Bild: Die Armutsquote in Niedersachsen ist auf 17,4 Prozent gestiegen. Rund 1,4 Millionen Menschen gelten damit als arm. Besonders betroffen sind Familien mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Geflüchtete und chronisch Erkrankte. Für den Paritätischen Cuxhaven sind diese Zahlen keine abstrakte Statistik.
„Wir erleben diese Entwicklung jeden Tag in unserer Arbeit“, betonen Helle Vanini, Geschäftsführerin des Paritätischen Cuxhaven, und ihr Stellvertreter Kai Uhlhorn. „Armut zeigt sich längst nicht mehr nur daran, ob jemand ausreichend Geld für Lebensmittel hat. Sie entscheidet zunehmend darüber, ob Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, ob sie eine Wohnung finden oder ob sie die Chance haben, ihre Zukunft aktiv zu gestalten.“
Wie konkret die Auswirkungen sind, zeigt sich beispielsweise in der Jugendwerkstatt des Paritätischen. Dort wartet aktuell ein junger Teilnehmer auf die nächste Zahlung des Jobcenters, um die Teilnahmegebühr für ein zwölftägiges Jugendbildungsseminar in Schweden bezahlen zu können. Die Kosten betragen lediglich 80 Euro. Dennoch stellt selbst dieser Betrag für manche junge Menschen eine kaum überwindbare Hürde dar.
„Wenn bereits 80 Euro darüber entscheiden, ob ein junger Mensch an einer Bildungsreise teilnehmen kann oder nicht, dann reden wir nicht nur über Armut, sondern auch über fehlende Teilhabechancen“, sagt Uhlhorn.
Auch die Bedeutung des täglichen Mittagstisches in den Jugendwerkstätten habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Für manche Teilnehmende sei die gemeinsame warme Mahlzeit mittlerweile weit mehr als ein pädagogisches Angebot. Sie sei ein wichtiger Bestandteil der täglichen Versorgung.
Ähnliche Entwicklungen beobachtet der Paritätische im Tagesaufenthalt für Menschen in prekären Lebenslagen. Die Unterstützung durch die Tafel sei für viele Besucherinnen und Besucher unverzichtbar geworden. Gleichzeitig stoßen Angebote an ihre Grenzen, weil die Nachfrage stetig wächst.
Dies zeigt sich auch bei der Bürgerküche Cuxhaven, einer Mitgliedsorganisation des Paritätischen. Dort werden die Angebote stark nachgefragt. Immer mehr Menschen suchen Orte auf, an denen sie eine warme Mahlzeit erhalten oder Gemeinschaft erleben können.
Auch in der offenen Kinder- und Jugendarbeit wird die Entwicklung sichtbar. Kochangebote erfreuen sich großer Beliebtheit. Dabei gehe es nicht allein um gemeinschaftliche Aktivitäten. „Wir stellen fest, dass hinter der hohen Nachfrage durchaus auch ein konkreter Bedarf nach einer warmen Mahlzeit steht“, erläutert Uhlhorn. Gleichzeitig vermittelten die Angebote wichtige Kompetenzen. Die Jugendlichen lernen, wie sie aus regionalen und saisonalen Lebensmitteln selbst kostengünstig und gesund kochen können.
Weiterhin einen hohen Bedarf verzeichnet der Paritätische zudem bei den Kleiderkammertagen in Hemmoor. Dabei gehe es weniger um Nachhaltigkeitsaspekte oder bewussten Konsum als um finanzielle Gründe.
Ein weiteres großes Thema ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Ob in der Migrationsarbeit, der Jugendsozialarbeit oder im Frauenschutzbereich – immer häufiger scheitern Hilfen oder verzögern sich Übergänge, weil geeigneter und bezahlbarer Wohnraum fehlt.
„Die Menschen sparen nicht nur bei Freizeitaktivitäten oder Urlauben“, sagt Vanini. „Sie sparen beim Essen, bei Kleidung, bei Mobilität und teilweise sogar bei grundlegenden Bedürfnissen. Das beobachten wir in nahezu allen Arbeitsbereichen.“
Der Paritätische Cuxhaven teilt deshalb die Kritik des Landesverbandes an den aktuellen Diskussionen über Kürzungen sozialer Leistungen. „Wer soziale Sicherheit weiter abbaut, verschärft die Probleme, statt sie zu lösen“, so Vanini und Uhlhorn. Die steigenden Armutszahlen seien ein deutliches Signal dafür, dass soziale Infrastruktur und Unterstützungsangebote nicht geschwächt, sondern gestärkt werden müssten.
„Armut darf nicht zur Normalität werden“, betonen beide. „Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten braucht es verlässliche soziale Angebote, die Menschen unterstützen, Perspektiven schaffen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Die Erfahrungen aus dem Landkreis Cuxhaven zeigen deutlich, wie wichtig diese Unterstützung heute bereits ist.“ „Die steigenden Armutszahlen sind ein deutliches Warnsignal. Immer mehr Menschen in Niedersachsen geraten unter Druck, während gleichzeitig über Kürzungen sozialer Leistungen diskutiert wird. Dies schürt Angst und Unsicherheit und spielt Populisten und Extremisten in die Hände“, erklärt Kerstin Tack, Vorsitzende des Paritätischen Niedersachsen.

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