Cuxhaven. Der Jugendmigrationsdienst (JMD) Cuxhaven des Paritätischen Cuxhaven steht erneut vor finanziellen Einbußen. Nachdem bereits 2024 14 Prozent der Kosten eingespart werden mussten und nur dank einer kurzfristigen Unterstützung des Landkreises Cuxhaven mit Mitteln der Koordinierungsstelle Migration und Teilhabe ein noch massiverer Einschnitt verhindert werden konnte, droht nun im Bundeshaushalt 2026 die nächste Kürzungsrunde. Ob der Landkreis angesichts der aktuellen Haushaltssperre erneut einspringen kann, ist derzeit ungewiss.
Der JMD wird durch den Bund finanziert und begleitet junge Menschen mit Migrationsgeschichte im Alter von 12 bis 27 Jahren auf ihrem Weg in die Schule, in die Ausbildung, ins Studium oder in die Arbeit. In Cuxhaven teilen sich die Mitarbeiterinnen Vera Nickels und Dorota Mrusek 1,5 Stellen – doch für das kommende Jahr sieht der Haushaltsentwurf faktisch bundesweit 3 Millionen Euro weniger vor, was für jeden einzelnen JMD in Deutschland eine Einsparung von rund neun Prozent bedeutet. Konkret heißt das: 4,5 Stunden weniger Arbeitszeit pro Woche, obwohl der Bedarf so hoch ist wie nie: Mehr als 300 Beratungsfälle, darunter rund 80 im intensiven Case-Management und über 200 Beratungen allein im Jahr 2025, stehen im Raum.
Kai Uhlhorn, stellvertretender Geschäftsführer des Paritätischen Cuxhaven, zeigt sich alarmiert: „Angesichts wachsender Herausforderungen in der Arbeit mit jungen Menschen mit Migrationsgeschichte ist dies nicht nur unverständlich, sondern auch kontraproduktiv. Die Qualität und Kontinuität der Angebote vor Ort sind damit ernsthaft gefährdet. Wenn die im Koalitionsvertrag verankerten Ziele zur Förderung von Integration und Teilhabe junger Menschen mit Migrationsgeschichte ernst genommen werden sollen, muss die Unterstützung für entsprechende Programme konsequent gesichert und ausgebaut werden. Andernfalls wären die langfristigen Folgekosten ungleich höher – gesellschaftlich wie finanziell.“
Bundesweite Kürzungen treffen lokale Arbeit
Im Bundeshaushalt 2026 sind erneut 65,5 Millionen Euro für das JMD-Programm eingeplant – drei Millionen Euro weniger als noch 2024. Damit wird eine Kürzung fortgeschrieben, die bereits an vielen Standorten Personalabbau nach sich gezogen hat und weitere Einschnitte nach sich ziehen wird.
Erfolge des JMD Cuxhaven: konkrete Wege in Ausbildung, Sprache und Gemeinschaft
Trotz der angespannten finanziellen Lage erzielt der Jugendmigrationsdienst Cuxhaven nachweisbare Erfolge. Seit 2024 hat er etwa gemeinsam mit den Integrationskursträgern VHS und SBB Kompetenz sechs Jugendintegrationskurse begleitet, einen Kurs in Hemmoor und fünf in Cuxhaven. Die Kurse enden mit der B1-Prüfung und beinhalten ein Pflichtpraktikum. Schon jetzt besuchen einige ehemalige Teilnehmende weiterführende Sprachkurse, sind in Maßnahmen des Jobcenters aktiv, absolvieren ein Freiwilliges Soziales Jahr oder haben einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Mehrere Jugendliche begannen am 1. August ihre Ausbildung – ein Erfolg, der ohne die intensive Begleitung durch den JMD kaum möglich gewesen wäre.
Integration wird im Alltag sichtbar – Begegnung schafft Halt
Wie wichtig die Arbeit des JMD ist, zeigte auch ein Begegnungsnachmittag am 11. November. Jugendliche aus der Ukraine, aus Somalia und dem Iran berichteten dort von ihren Erlebnissen und den Veränderungen, die der JMD in ihr Leben gebracht hat. Mahan (18) aus dem Iran brachte Kuchen mit – seine Familie darf in Deutschland bleiben. „Hier fühlt sich alles leichter an“, sagte er. Für viele junge Menschen ist der JMD längst mehr als ein Beratungsangebot: Er ist ein Ort der Gemeinschaft. Einen großen Beitrag zur Sprachförderung leistet dabei auch die ehrenamtliche Natalja Ohlrogge. Sie bietet dienstags zusätzliche Sprachkurse und einen Gesprächskreis an – ein Angebot, das durch Mittelkürzungen zunehmend schwer planbar wird. Jugendliche wie Anhelina und Daria (beide 16) berichten, wie stark ihr Deutsch davon profitiert. Auch kulturelle Angebote wie Theaterprojekte mit dem Ensemble „Das Letzte Kleinod“ sorgen für Selbstwirksamkeit, Orientierung und neue Perspektiven.
Kreativität als Schlüssel: Foto-, Film- und Schreibprojekte
In kreativen Projekten erkunden die Jugendlichen ihre Lebenswelt. Beim Filmprojekt „Mission Wellen Meer“ setzten sie sich mit Umweltschutz auseinander, beim Schreibprojekt „Briefe aus Cuxhaven“ erzählten sie von Verlust, Hoffnung und Neubeginn. Die Broschüre zeigt eindrucksvoll, wie vielfältig die Wege junger Menschen in Cuxhaven sind – ein gesellschaftlich wertvoller Einblick, der ohne den JMD nicht entstanden wäre.
Sorge vor erneutem Abbau bewährter Strukturen
Schon 2023 sorgten geplante Umstrukturierungen der Bundesregierung für große Unruhe, da sie funktionierende regionale Unterstützungsstrukturen gefährdet hätten. Sie konnten durch intensive Aufklärungsarbeit im letzten Moment verhindert werden. 2024 jedoch kam der tatsächliche Einschnitt – 14 Prozent weniger Mittel, die nur durch die Unterstützung des Landkreises ausgeglichen werden konnten. Dass nun erneut Kürzungen drohen, ist für die Fachkräfte und die jungen Menschen ein schwerer Rückschlag. Kai Uhlhorn betont erneut die Bedeutung des JMD: „Der Jugendmigrationsdienst schafft Perspektiven. Er verhindert Schulabbrüche, stabilisiert Jugendliche in Krisen, unterstützt sie beim Einstieg in eine Ausbildung und fördert soziale Teilhabe. Solche Angebote zu kürzen, ist ein Schritt in die falsche Richtung.“ Ob der Landkreis – angesichts seiner eigenen Haushaltssperre – erneut einspringen kann, ist derzeit nicht absehbar.



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