Kai Uhlhorn, stellvertretender Geschäftsführer des Paritätischen Cuxhaven, sorgt sich um Einsparungen im Sozialbereich. Foto: Wehr

Paritätisches Cuxhaven warnt vor Abbau sozialer Infrastruktur vor Ort

Cuxhaven. Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) zeichnen ein deutliches Bild: Der finanzielle Druck auf soziale Einrichtungen und Dienste nimmt weiter zu – mit spürbaren Folgen für Hilfsangebote, freiwilliges Engagement und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Auch der Paritätischer Cuxhaven bestätigt diese Entwicklung für den Landkreis Cuxhaven. „Was bundesweit erhoben wurde, erleben wir hier vor Ort ganz konkret“, erklärt Kai Uhlhorn, stellvertretender Geschäftsführer.

Bundesweite Zahlen mit klarer Botschaft

Laut Umfrage erwarten 82 Prozent der befragten Einrichtungen künftig weitere Einschränkungen oder die Einstellung von Angeboten. Bereits 20 Prozent mussten in den vergangenen zwei Jahren Angebote vollständig schließen – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2024. Mehr als 60 Prozent der Einrichtungen halten das soziale Angebot in ihrer Region für nicht oder nur teilweise ausreichend.

Die Spitzenverbände – darunter der Paritätischer Gesamtverband – warnen daher eindringlich vor einer schleichenden Erosion der sozialen Infrastruktur.

Jugendmigrationsdienst besonders betroffen

Besonders deutlich spürt der Paritätische Cuxhaven die angespannte Lage beim Jugendmigrationsdienst (JMD). Zwar bleiben die Bundesmittel formal stabil, faktisch handelt es sich jedoch um eine Kürzung, da die Förderung seit Jahren nicht dynamisiert wurde. Steigende Personal- und Sachkosten können nicht ausgeglichen werden.

Bereits 2024 mussten 14 Prozent der Mittel eingespart werden – nur dank einer kurzfristigen Unterstützung des Landkreises Cuxhaven konnte ein noch größerer Einschnitt verhindert werden. Für 2026 sieht der Bundeshaushalt bundesweit drei Millionen Euro weniger für das JMD-Programm vor. Das entspricht für jeden Standort einer Reduzierung von rund neun Prozent – konkret etwa 4,5 Wochenstunden weniger Arbeitszeit.

In Cuxhaven teilen sich zwei Fachkräfte 1,5 Stellen und betreuen über 300 junge Menschen mit Migrationsgeschichte im Alter von 12 bis 27 Jahren. Rund 80 von ihnen befinden sich im intensiven Case-Management. Die Nachfrage ist hoch, die Herausforderungen wachsen – die Ressourcen jedoch schrumpfen.

„Angesichts wachsender Integrationsaufgaben ist das nicht nur unverständlich, sondern kontraproduktiv“, betont Uhlhorn. „Der Jugendmigrationsdienst verhindert Schulabbrüche, stabilisiert Jugendliche in Krisen und begleitet sie erfolgreich in Ausbildung und Arbeit. Wer hier kürzt, riskiert langfristig deutlich höhere gesellschaftliche und finanzielle Folgekosten.“

Respekt Coaches vor dem Aus?

Der Internationale Bund geht fest davon aus, dass das langjährige Bundesprogramm „Respekt Coaches“ zum Jahresende eingestellt wird. Ein Projekt, das sich an junge Menschen an weiterführenden Schulen wendet und sich für Demokratieförderung, Mobbingprävention und gegen Rassismus stark macht. Im Programm „Respekt Coaches“ engagieren sich seit 2018 rund 400 Fachkräfte an 600 Kooperationsschulen mit dem Ziel, durch Gruppenangebote Menschenfeindlichkeit und Extremismus vorzubeugen und jungen Menschen in ihrer Lebenswelt demokratische Werte zu vermitteln. Auch in Stadt und Landkreis Cuxhaven sind die Respekt Coaches angeschlossen an den Jugendmigrationsdienst des Paritätischen mit vier Mitarbeitenden an Kooperationsschulen aktiv. Eine unabhängige wissenschaftliche Evaluierung hat die hohe Effektivität des Programms „Respekt Coaches“ bestätigt. Fachleute bezeichnen es als einziges innovatives Modell für die Arbeit mit jungen Menschen im Schnittpunkt von Sozialarbeit und politischer Bildung.

Migrationsberatung unter dauerhaftem Druck

Auch in der Migrationsberatung ist die Situation angespannt. Bestimmte Kosten konnten dort schon immer nicht refinanziert werden. Der interne Druck steigt kontinuierlich, da steigende Ausgaben nicht vollständig abrechenbar sind. Die Fachkräfte arbeiten seit Jahren an der Belastungsgrenze.

Indirekte Auswirkungen durch Druck auf das Jobcenter

Hinzu kommt: Auch das Jobcenter steht unter wachsendem finanziellen und strukturellen Druck. Verzögerungen, eingeschränkte Maßnahmen oder reduzierte Fördermöglichkeiten wirken sich unmittelbar auf die Arbeit freier Träger aus. Ratsuchende mit komplexen Problemlagen benötigen dann intensivere Begleitung – die wiederum personelle Ressourcen bindet.

Soziale Angebote sind Orte des Zusammenhalts

Die Umfrage zeigt zudem: Mehr als zwei Drittel der Einrichtungen befürchten, dass der Wegfall von Angeboten auch die Möglichkeiten für freiwilliges Engagement verringert. Damit würde das zivilgesellschaftliche Fundament geschwächt, das gerade in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen unverzichtbar ist.

Der Paritätische Cuxhaven schließt sich daher der Forderung der Bundesverbände an: Eine nachhaltige Reform des Sozialstaates darf nicht zulasten der sozialen Infrastruktur gehen. Notwendig sind verlässliche, auskömmliche und dynamisierte Finanzierungsstrukturen, die steigende Kosten realistisch berücksichtigen.

„Soziale Angebote sind keine freiwillige Leistung, sondern Grundpfeiler unseres Gemeinwesens“, so Uhlhorn. „Wenn hier weiter gespart wird, gefährdet das nicht nur einzelne Projekte – sondern den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt.“

Paritätischer Cuxhaven

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Über Uns

Der Paritätische ist ein politisch und konfessionell ungebundener Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege, Dachverband für Mitgliedsorganisationen und Anbieter eigener sozialer Dienstleistungen. Die Aufgaben des Kreisverbandes Cuxhaven sind äußerst vielfältig und werden in der gesamten Stadt und im Landkreis Cuxhaven geleistet. Diverse Organisationen sind Mitglied des Paritätischen Cuxhaven.

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